Weitere Projekte zur V 1 und V 2

Wie viele andere Entwicklungen deutscher Forscher im 2. Weltkrieg, waren auch die nachfolgenden Projekte für die damalige Zeit revolutionär. Ich möchte dabei vor allem auf die weiterführenden Entwicklungen der A 4 hinweisen, die erst viel später von den Amerikanern und der UdSSR realisiert werden konnten, obwohl beide Staaten sich nach Kriegsende um die Unterlagen und den beteiligten Forschern förmlich rissen und auf deren jahrelangen Erkenntnissen aufbauen konnten.
So gesehen war Deutschland in dieser Zeit auf dem besten Weg, die erste Weltraummacht zu werden. So unbequem das auch manchem sein sollte. Trotzdem darf man dabei nie vergessen, daß diese Entwicklungen in erster Linie nur einen Zweck hatten: Menschen zu töten !

Projekte zur V 1

"Reichenberg"-Gerät V 1 / R 3

Reichenberg-GerätGegen Kriegsende wurden Versuche mit bemannten V 1 für den Einsatz als Rammjäger gegen alliierte Bomberverbände durchgeführt. (bei den Japanern als "Kamikaze"- Flieger bekannt) Diese Aktion erhielt die Tarnbezeichnung "Reichenberg". Der Umbau bestand hauptsächlich im Einbau einer Pilotenkanzel vor dem Lufteinlauf des Triebwerkes. Es wurden allerdings auch Schulversionen ohne Triebwerk gebaut und geflogen. Diese besaßen jedoch eine Kufe für die Landung.
Zum Einsatz gelangte "Reichenberg" nicht mehr.


Projekte zur V 2

schwimmende Abschußbasen für die A 4

Testabschuß von 21-cm-Raketen Schon im Frühsommer 1942 fanden in der Ostsee nahe Peenemünde Versuche statt, von U-Booten aus Raketen zu starten. Dieses Verfahren entspricht dem heutigen Prinzip amerikanischer und sowjetischer Untersee-Boote. Dr. Steinhoff, Chef der Abteilung "Elektrische Geräte" der HVP (Heeresversuchsanstalt Peenemünde) stellte Überlegungen an, herkömmliche Raketen von unter Wasser aus zu starten. Er bat inoffiziell seinen Bruder, den Kommandanten des 'U-Bootes 511 " der IX C-Klasse, einige Versuche durchzuführen. Dieser sollte auf dem Deck des U-Bootes 20 Wurfgestelle mit Raketen des 21-cm-Nebelwerfer 42 des Heeres montieren lassen. Sie wurden aus 15 bis 20 m Wassertiefe automatisch gestartet. Obwohl es sich um Pulverraketen handelte, traten die Geschosse unverändert aus dem Wasser und erreichten das etwa drei Kilometer entfernte Ziel. Damit war der Beweis erbracht, daß generell Raketen vor einer feindlichen Küste durch getauchte U-Boote abgefeuert werden konnten. Auch in weiteren Tests wurden zahlreiche Feststoff- und Flüssigkeitsraketen unter Wasser gezündet und erreichten eine einwandfreie Flugbahn. Bei Verbesserung der Führung des Geschosses unter Wasser wurde sogar eine Verringerung der Streuung und eine Erhöhung der Reichweite zu erreichen. U-511 hat auch noch außerhalb der Verantwortung von Peenemünde im "Ursel-Projekt" Borsig-Raketen von 15 cm Kaliber, 180 cm Länge, 160 kg Gewicht und über 300 km Reichweite erprobt. Zu einer allgemeinen Ausrüstung der U-Boote kam es aber aus vielen Gründen nicht.

Planung einer A4-VerladungIm Herbst 1943 schlug Direktor Lafferenz (Deutsche Arbeitsfront) General Domberger (Chef des Raketenprojekts) vor, schwimmende Behälter (Schuten) zu entwickeln, die von U-Booten im Schlepp genommen werden konnten. Von diesen Behältern aus sollten A4-Raketen verschossen werden. Die sofort eingeleiteten Entwicklungsarbeiten kamen aber nur äußerst langsam voran. Schuld daran waren Probleme mit dem normalen A4-Programm, die Einrichtung des Mittelwerkes und der Verlegung dorthin und die anlaufenden Feldeinsatzübungen. Erst ab Herbst 1944 begann man unter dem Tarnnamen 'Prüfstand XII" unter größter Geheimhaltung mit der Arbeit. Ein Protokoll vom 9. 12. 1944 zeigt, daß nach Verhandlungen mit der Kriegsmarine die Vulkan-Werft Stettin den Bauauftrag erhielt, drei schwimmende Startrampen innerhalb von drei Monaten herzustellen.  Schon im Herst 1943 hatten Versuche des "U-1063" unter dem Namen "Lafferenz-Projekt" mit Probebehältern der Danziger Schichau-Werft die Durchführbarkeit nachgewiesen.

V2 Abschußbasis Der 500 Tonnen wiegende Schwimmkörper besaß einen raketenähnlichen Aufbau mit kreisrundem Querschnitt und vier Flossen am Heck. Der Bug war durch einen aufklappbaren Deckel verschlossen. Direkt darunter befand sich auf einer kreiselstabilisierten Plattform das A 4-Geschoß, umgeben von Wasserballasttanks, der ringförmigen Bedienungsplattform und einem ebenfalls ringförmigen Abgastunnel, der gleichfalls in die obere Deckelöffnung mündete. Dahinter befand sich der Kontrollraum, dann folgten die Tanks mit den Raketentreibstoffen und schließlich ein weiterer Wasserballasttank im Heck. In Zielnähe sollte dieser Tank geflutet werden und damit den Tauchkörper in die für den Abschuß der Rakete erforderliche vertikale Lage bringen. Nach dem Tanken sollte es möglich sein, die Rakete, seitenausgerichtet, abzuschießen. Als Ziel waren besonders die Küstenstädte der Vereinigten Staaten ausersehen. Nach Verlust der A4-Abschußbasen in Nordfrankreich und den Niederlanden sollten die Raketenabschüsse gegen London und andere Landziele aus der offenen Nordsee fortgesetzt werden. Durch die Beendigung des Krieges konnte das Projekt, welches in der Ausführung auf keine nennenswerten Schwierigkeiten stieß, nicht mehr zum Abschluß gebracht werden.


A 4b

Aggregat A4bNach den ersten erfolgreichen Starts der A 4 ging die Entwicklung weiter. Das größte Problem der Rakete war die immer noch sehr begrenzte Reichweite von unter 400 km. Die Forscher setzten hier bei der Restgeschwindigkeit der A 4 an. Warum mußte die Rakete mit 800 m/sec auf den Erdboden aufschlagen ? Diese Bewegungsenergie könnte doch nach Brennschluß von Flügeln aufgenommen und in Reichweite umgesetzt werden! Seit 1940 beschäftigte man sich deshalb im Peenernünder Windkanal mit der Entwicklung derartiger Flügel. Die Schwierigkeiten lagen bei der hohen Geschwindigkeit der Rakete, die über der der Schallgeschwindigkeit lag. Als man sich 1943 diesem Projekt ernsthaft annahm, war noch kein einziges Flugzeug mit Überschallgeschwindigkeit geflogen. Umfangreiche Messungen und Untersuchungen wurden durchgeführt, bevor Anfang 1945 schließlich das erste Versuchsgerät mit der Bezeichnung A 4b Flügel von 13,6 m² erhielt. Am 8. Januar 1945 fand der Start statt, doch in 30 m Höhe versagte die Steuerung. Wenige Tage später konnte das zweite Gerät durch Leckwerden des Alkoholbehälters nicht starten. Am 24. Januar 1945 gelang endlich der erste Abschuß. Das Gerät erreichte im senkrechten Aufstieg eine Gipfelhöhe von fast 80 km bei einer Maximalgeschwindigkeit von 1200 m/s. Der Durchgang durch die Schallgeschwindigkeit verlief vollkommen glatt. Die Steuerung funktionierte sowohl im Unter- als auch im Überschallbereich zufriedenstellend. Durch diese Maßnahmen erreichte die A 4b eine Reichweite von ca. 640 km. Was einer Verdoppelung der Reichweite gegenüber der A 4 gleichkam. Nach diesen erfolgreichen Versuchen mußten weitere Entwicklungen durch das Kriegsende abgebrochen werden.


A 6

Zusammen mit der A 5 wurden noch zwei weitere Versuchsmuster projektiert, von denen für die A 6 nur Berechnungs- und Konstruktionsuntersuchungen durchgeführt wurden, ohne daß es zu einer Bauausführung kam. Es sollte sich hier, wie bei der A 5, um ein Projektil für hohe Unterschallgeschwindigkeiten handeln. Sie sollte mit einem neuen Triebwerk ausgerüstet werden, das Salpetersäure als Oxydationsmittel und Vinyl-Isobutyläther als Treibstoff benutzte, die beide besser lagerfähig, leichter zu handhaben waren und sich besser transportieren ließen als Wasserstoffsuperoxyd.


A 7

Die A 7 war eine standardmäßige A 5, die mit kurzen Flügeln ausgestattet werden sollte (ähnlich der A 4b). Zur Bauausführung kam es jedoch nicht mehr.


A9 / 10

Aggregat A 9Die Peenernünder-Projektabteilung wurde stark durch die weitgreifenden Weltraumflugpläne Prof. Wernher von Brauns beeinflußt. Der Weltraumflug jedoch erforderte ungeheuerliche Geschwindigkeiten, mit denen hier erstmals rechnerisch gearbeitet wurde. Der Kriegseintritt Amerikas schließlich gab den Anstoß, eine Fernrakete zu entwickeln, die den Atlantik überqueren konnte. Die A 4 konnte dabei nur als Ausgangsstufe gewertet werden, denn es war klar, daß eine Einstufenrakete, die nach Brennschluß das ganze tote Gewicht der Triebwerksanlage mitschleppen mußte, in der Reichweite beschränkt blieb. Eine Vergrößerung der Kraftstoffkapazität war ebenfalls nicht möglich, weil sie zu Lasten der Nutzlast gegangen wäre. Als einzige Ausnahme wäre die Verwendung von flüssigem Wasserstoff als Treibstoff eine Lösung gewesen, der in Verbindung mit flüssigem Sauerstoff als Oxydator eine theoretische Ausströmgeschwindigkeit von 3100 m/sec ergeben hätte. Diese Lösung schied jedoch wegen der schwierigen Handhabung des flüssigen Wasserstoffes vorläufig aus. Die weiteren Überlegungen basierten deshalb auf den günstigen Versuchsergebnissen mit den Flügeln der A 4b. Dem folgte der Entwurf der zweistufigen Fernrakete A 9/10, der bereits aus dem Jahre 1943 stammte. Das Aggregat A 10 war dabei nur als Startstufe für einen Senkrechtstart vorgesehen, um auf besondere Startanlagen verzichten zu können. Es war ein riesiger Raketenkörper von 4,15 m Durchmesser und 20 m Länge, der bei 87 Tonnen Gesamtgewicht fast 62 Tonnen Treibstoff aufnehmen sollte. Dieser, bestehend aus Salpetersäure und Dieselöl, gab für 50 Sekunden einen Schub von 200.000 kp ab, der das Gespann innerhalb einer Minute auf 180 km Höhe brachte und auf eine Geschwindigkeit von 4.320 km/h beschleunigte. Nach dem Ausbrennen sollte die im Bug der A 10 eingelassene A 9 gezündet werden, während die Startstufe, durch einen 2500 m² großen Fallschirm getragen, wieder zur Erde zurückfallen konnte. Diese eigentliche Fernstufe, die A 9, war eine leicht verbesserte Serienausführung der A 4b mit den gleichen Flügeln. Nach dem Start des A 10-Trägers sollte die A 9 mit Hilfe des eigenen Triebwerkes auf 11.000 km/h beschleunigen und eine Gipfelhöhe von 350 km erreichen.
Der anschließende Gleitflug sollte mit einer Sprengladung von knapp 1000 kg über eine Entfernung von ca. 5000 km reichen.


A 11 (+ A9 / 10)

Es wurde sogar ein Entwurf für eine riesige dreistufige Rakete ins Auge gefaßt. Diese sollte eine Trägerrakete, die A 11, mit der A 9/ 10 koppeln. Dies waren Ideen einer echten Langstreckenrakete, die ohne weiteres nach Amerika oder sogar in den Weltraum hätte fliegen können.

"Ich ziele nach den Sternen !" pflegte Wernher von Braun gern zu sagen.
Ein Zyniker hätte hinzufügen können: "Aber manchmal traf ich London."





Zurück zur V-Waffen Startseite